Kleiner Schädling mit verheerender Wirkung
25. Februar 2010

Dr. Gerhard Kreuter (von links) und Paul Gieler sind die treibenden Kräfte des vor einem Jahr gegründeten Gesprächskreises Ahrwein.
Mit derart vielen Besuchern hatte Dr. Gerhard Kreuter nicht gerechnet. Zusätzliche Sitzgelegenheiten wurden eilig ins AhrWeinForum geschafft, um jedem der rund 90 Besucher einen Sitzplatz anbieten zu können. Anscheinend ist alleine der Name des kleinen Schädlings tief im Gedächtnis ganzer Winzergenerationen verwurzelt. Und das zu Recht, wie Paul Gieler in seinem Vortrag eindrucksvoll bewies.
Die Reblaus (Viteus vitifoliae) wurde Mitte des 19. Jahrhunderts aus Amerika nach Europa eingeschleppt. Als „blinder Passagier“ breite sie sich zunächst über England kommend in Frankreich aus. Dort begannen 1863 die ersten Reben abzusterben. Bis 1884 vernichtete sie in Frankreich 1,6 Millonen Hektar Rebfläche. Bis Ende des 19. Jahrhunderts waren alle Weinbauländer bis auf Zypern und Chile von der Reblaus befallen. 1868 wurde sie als Schädling entdeckt, der europäische Rebsorten, nicht jedoch amerikanische befällt. 1868 infiziert eine amerikanische Zierrebe die Gartenanlage Annaberg des landwirtschaftlichen Instituts Bonn-Ippendorf. 1881 wurde sie erstmals im Ahrtaler Weinbauort Heimersheim entdeckt. Bis 1929 vernichtete die Reblaus an der Ahr etwa 70 Hektar Rebfläche. Das waren rund sieben Prozent der damals rund 1030 Hektar Rebfläche.
Nach der Entdeckung der Reblaus durch den Neuenahrer Bürgermeister Rittmeister a.D. Hepke folgten an der Ahr drakonische Maßnahmen. Die befallen Weinberge wurden markiert, die Flächen gesperrt. Nach der Lese im Jahr 1881 wurde alle befallenen Weinberge gerodet, Wurzeln und Rebstöcke verbrannt und die Böden mit einem Schwefelkohlenstoff-Eintrag versehen. Auf 200 Milligramm pro Quadratmeter belief sich der Eintrag. Heute weiß man, dass 420 Milligramm wirksam sind. Die Maßnahmen stellten einen erheblichen Arbeitsaufwand dar. Die Winzer wurden entschädigt und auch Gesetze und Verordnungen dämpften die Ausbreitung der Reblaus in Preußen ein. 1929 galt die Ahr als reblausfrei. Erst 1953 gab es in Mayschoß noch einmal einen - allerdings unerheblichen - Befall.
Nach der historischen Betrachtung richtete Gieler das Augenmerk auf den Schädling selbst. Einen bis anderthalb Millimeter ist er groß und vollzieht einen holozyklischen Wirtswechsel zwischen Rebwurzel und Rebstock. Im Spätherbst entwickeln sich einige Tiere zu Nymphen. Sie verlassen den Bodenbereich und entwicklen sich zu Reblausfliegen. Sie legen männliche und weibliche Eier. Aus ihnen schlüpfen die Geschlechtstiere, die sich paaren. „Ein Leben für die Liebe“, erklärte Gieler schmunzelnd, dass die männlichen Tiere nach der Paarung sterben.
Die begatteten Weibchen legen ein Winterei in die Rinde. Aus den Eiern schlüpfen im Frühling die Maigallenläuse, die in den Blättern ihre Eier legen. Aus ihnen schlüpfen zwei Arten von Larven. Die einen bilden erneut Blattgallen, die anderen Wurzelgallen. Nach und nach befinden sich dort mehrere Generationen, die jedoch nicht direkt die Wurzeln angreifen. Sie uberwintern zunächst in tieferen Bodenschichten. Im folgenden Frühjahr befallen sie die Rebwurzeln zur Nahrungsaufnahme und schließen ihre Entwicklung zu eierlegenden Weibchen ab. Eine ständige Fortpflanzung ist durch die Larven gegeben. Es entwickeln sich wieder Reblausfliegen, die den Kreislauf erneut beginnen.
Als wirksames Bekämpfungsmittel erläuterte Gieler die Verwendung von amerikanischen Unterlagen und europäischen Edelreisen. Erstmals ist diese Veredlung 1894 in Geisenheim gelungen. 1925 wurde die Verwendung der amerikanischen Unterlage zum Gesetz. Die erste Pfropfrebenanlage befand sich nach Auskunft Gielers in Rech.
Heute ist SO4 als reblausresistente Unterlage verbreitet. Gieler erläuterte den Zuhörern das Verfahren der Veredlung. Nach der Regel schwachwüchsige Unterlage für starkwüchsige Edelreiser und umgekehrt würde je nach Rebsorte verfahren. Ebenfalls stellte er kurz die Systematik der Rebkreuzung durch Bestäubung vor. So entstehen resistentere Rebsorten wie Regent (Diana (Sylvaner x Müller-Thurgau) und Chambourcin. „Bei unseren Rebsorten besteht derzeit nicht die Gefahr einer akuten Bedrohung“, meinte Gieler zum Schluss seines Referates, in dem er die Rebforschung als wirksamstes Mittel zu Bekämpfung der Reblaus sieht.
Anschließend erläuterten die Keller- und Weinbaupraktiker Dennis Appel vom Ahrweiler Winzerverein und Reinhold Kurth vom Weingut Maibachfarm den derzeitigen Arbeitsstand in Keller und Weinberg. Nach Appels Meinung hat der Winter dem Weinreben nichts ausgemacht. Der Rebschnitt sei in vollem Gange und zum Teil auch abgeschlossen. Teilweise würde auch schon aufgelegt. In diesem Zusammenhang gab er einen kurzen Überblick über die häufigsten Erziehungsformen der Ahr: Drahtrahmen, Einzelstock, Vertiko und Umkehrerzeihung.
„Der Wein macht sich derzeit selber. Für uns heißt das gezieltes Nichtstun“, scherzte Kurth, der den 2009er Jahrgang kurz und prägnant beschrieb. Die Traubenqualität war hoch, der Ertrag geringer und der Wein kläre sich schnell. Die hohe Säure verspricht einen haltbaren Jahrgang. Mit einer Verkostung eines 2009er Spätburgunders (93 Grad Oechsle) und eines Regent (85 Grad) des Ahrweiler Winzervereins sowie der Möglichkeit zu Fragen und Meinungsaustausch ging ein interessanter Abend für Winzer und Weinfreunde zu Ende.
- Hier können Sie sämtliche Folien des Referants von Paul Gieler herunterladen (pdf, 28 Seiten)
Manfred Schick


