Rotweintag glich einem großen Familientreffen
8. März 2010

Der neue Weinbaupräsident Hubert Pauly moderierte mit viel Witz und Charme.
Der Ahr-Rotweintag ist inzwischen zu einer Art Familientreffen der Ahrwinzer geworden. Rund 150 Besucher konnten Hubert Friedrich vom DLR Mosel und der neue Präsident des Weinbauverbands Ahr, Hubert Pauly, am Samstag in Dernau begrüßen. Allen voran hießen sie Ahr-Gebietsweinkönigin Mandy Großgarten und die einstige deutsche Weinkönigin Julia Klöckner, heute Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, willkommen.
Der Gruß der Gastgeber galt auch Mechthild Heil (MdB), Guido Ernst (MdL), Walter Wirtz (MdL) sowie dem Landrat des Kreises Ahrweiler, Dr. Jürgen Pföhler. Ministerialrat Johannes Büchel vertrat als Referent das Mainzer Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau. Vom Deutschen Weininstitut begrüßte Friedrich dessen Geschäftsführerin Monika Reule. Seitens des Bauern- und Winzerverbandes waren Vizepräsident Rudolf Schmeichel und Hans Boes als Vertreter der Bauern und Winzer im Kreis Ahrweiler zu Gast. Matthias Greilach vertrat die Tourismus & Service GmbH.

Prominenz aus Wirtschaft und Politik beim Ahr-Rotweintag 2010 in Dernau (v.l.n.r.) Matthias Greilach (Tourismus & Service GmbH), Mechthild Heil (MdB), Horst Gies (Bauern- und Winzerverband), Weinbaupräsident Hubert Pauly (vorne), Thomas Nelles (Weinbauversuchsring), Walther Wirtz (MdL), Julia Klöckner (MdB), Landrat Dr. Jürgen Pföhler, Ahrweinkönigin Mandy Großgarten, Monika Reule (DWI), Friedhelm Nelles (Dagernova) und Rudolf Mies (Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr)
Hubert Pauly freute sich vor allem über die Resonanz, die die Veranstaltung offentsichtlich bei vielen jungen Winzern gefunden hat. „Der neue Vorstand hat viel Druck. Für uns wird es wichtig sein, unser Tal in Ordnung zu halten. Alleine 27 Kilometer Mauern gilt es bei der anstehenden Flurbereinigung in Walporzheim zu erneuern“, berichtete Pauly, der seine Begrüßung mit einer klaren Aufforderung an die Versammlung beendete: „ Haltet fest zusammen!“ Ahrweinkönigin Mandy Großgarten nutzte ihre Begrüßung um gleich ihrem Amt gerecht zu werden und auf den Dernauer Weinfrühling am 24. und 25. April hinzuweisen. Landrat Pföhler betonte, dass der Erfolg der Veranstaltung den Initiatoren Recht gebe. „Ich weiß um den Konkurrenzdruck, unter dem auch die Ahrwinzer stehen“, erklärte Pföhler mit Hinblick auf die auch im Tal der roten Trauben ansässigen Discounter. „Wichtig ist, dass man hier zusammenhält. Der Kreis Ahrweiler strebt ein gutes Verhältnis zu den Winzern an“, versprach Pföhler, der am Ende seiner Grußworte Ernst Bender für seine langjährige Tätigkeit als Weinbaupräsident dankte.
Unter der Moderation von Dr. Gerd Scholten vom DLR Mosel stieg man dann in das Vortragsprogramm ein. Monika Reule vom Deutschen Weininstitut (DWI) beschrieb in ihrem ebenso kurzen wie umfangreichen Vortrag „Was leistet Gemeinschaftsmarkteting?“ die Aktivitäten des DWI. Die Abgabe von 67 Cent pro Hektoliter erzeugten Weines stellt für sie die Grundlage der Finanzierung der Arbeit des DWI dar. Nach Reules Angabe liegen die Mittel für umfangreiche Maßnahmen, die alle Register des Marketings betreffen, bei 8.233.000 Euro. Damit erreiche man durch Teilnahme an Fachmessen im In- und Ausland, Öffentlichkeitsarbeit und die Einbindung der Medien neben dem Fachpublikum auch rund 95 Millionen Leser sowie zwischen 500.000 bis 750.000 Fernsehzuschauer. Hierzu gehören auch Veranstaltungen wie die Wahl der Deutschen Weinkönigin, für Reule „das genialste Marketinginstrument, dass die Weinwirtschaft jemals erfunden hat“.
Für Reule liegen die Chancen des Weines auf der Hand. Wein und Tourismus, aber auch „Wine in Moderation“, der verantwortungsvolle Umgang mit dem Lebensmittel Wein sowie das Thema “Wein und Kultur” stehen derzeit ganz oben auf der Liste der Aktivitäten. Beratung bei Auslandsaktivitäten und bei Ausschreibungen gehören ebenfalls zum Aufgabenbereich des DWI.
In ihrem Szenario „Was wäre, wenn es keine Gemeinschaftswerbung für deutschen Wein mehr gäbe?“ ließ Reule die vom DWI wahrgenommen Aufgaben Reveu passieren. Marktforschung, Exportberatung, Informationsarbeit der Deutschen Weinakademie sowie u.a. auch der Schutz und die Überwachung der deutschen Herkunftsbezeichnungen würden nach Reuels Ausführungen brach liegen. Ebenso 2,325 Millionen Euro EU-Mittel. „Andere Weinbau-Nationen würden sich eins ins Fäustchen lachen und Deutschland würde Gesicht und Stimme in der Weinwelt verlieren“, erklärte Reule, die den deutschen Weinmarkt als den am härtesten umkämpten bezeichnet. „Deutschland braucht Gemeinschaftsmarketing. Wir arbeiten für Sie. Unterstützen Sie Ihr Gemeinschaftsmarketing auch weiterhin“, appellierte Reule.
„Die Weinbaupolitik der neuen Bundesregierung“ war das Thema des zweiten Vortrags, den Staatssekretärin Julia Klöckner hielt. Sie bedauerte, dass man in Berlin nicht immer in der Nähe zum Weinbau sitze und es manchen Ausschußmitgliedern dort schwerfalle, die Weinbaupraxis zu verstehen. Als „Schicksalsgemeinschaft“ bezeichnete sie das Verhältnis zwischen Politik und Weinwirtschaft. Für das Ministerium gelte das Subsidiaritätsprinzip, eine gegen den Zentralismus gerichtete Anschauung, die dem Staat nur die helfende Ergänzung der Selbstverantwortung von Gemeinschaften zugestehen möchte. „Wenn man weiß, wo etwas herkommt, kann man es schätzen“, erklärte Klöckner. Von über 600 Abgeordneten befasse sich nur ein kleiner Bruchteil mit der Weinwirtschaft. Diese Tatsache würde die Arbeit nicht immer einfach machen.
Die Individualität jedes deutschen Weinanbaugebeites mache den deutschen Wein interessant. Für die Erhaltung dieser Tatsache lohnt es sich nach Klöckners Meinung zu kämpfen. So existiere ein parteiübergreifendes Weinforum, das die Selbstverständlichkeit des Genusses deutscher Weine in Deutschland im Blick hat. So gäbe es noch lange nicht in allen deutschen Botschaften bei Empfängen auch deutschen Wein.
Auch Klöckner stellte die Gemeinschaftswerbung in den Vordergrund. Die Bundesregierung stehe zur Notwendigkeit der Gemeinschaftswerbung. Klagen zur Nichtzahlung der Beiträge würden von den Gerichten als verfassungswiedrig zurückgewiesen. Am Beispiel der CMA machte sie deutlich, dass ein Wegfall der Gemeinschaftswerbung zu massiven Umsatzeinbrüchen führen würde. Die Auswirkungen wären nicht nur für regionale Märkte sondern auch für den Exportmarkt beträchtlich. „Die Bundesregierung steht zum Gemeinschaftsmarketing, und das sollten sie wissen“, so Klöckner. Bodenständig und weinbauerfahren erklärte Klöckner, selbst 1994 Naheweinkönigin und 1995 Deutsche Weinkönigin, dass gute Produkte allerdings nicht am Schreibtisch, sondern im Wingert gemacht werden.
Auf EU-Ebene ist es nach Klöckners Angaben wichtig, Kompronisse einzugehen und Partner zu finden. Diese sieht sie vor allem in Luxemburg und Österreich. Die tradionelle Weinbereitung in Deutschland gilt nach Klöckners Auskunft als gesichert. Eine Wettbewerbsverzerrung bei der Umsetzung von EU-Gesetzen in das nationale Recht dürfe nicht stattfinden. Das deutsche Bezeichnungsrecht könne unter europäischem Recht beibehalten werden. Neu sei das System der geschützen Ursprungsbezeichnungen. In der Datenbank E-Baccus seien unter anderem auch die deutschen Landweingebiete eingetragen.
Die Verwendung der neuen Bezeichnungen ist bis 2011 ausgesetzt. Hier hat das Ministerium vor allem die Verbraucher im Blick. Man befürchtet, dass gerade sie von einem Mehr an Bezeichnungen eher verwirrt als informiert würden. „Das, was drin ist, muss auch drauf stehen“, sagte Klöckner, die hier auf noch zu entwickelnde Kommunikationskonzepte verweist und erklärt, dass der Verbraucher Klarheit brauche. Dies gelte auch für Weine aus ökologischem Anbau, deren Schwefelgehalt um die Hälfte nach unten gesenkt werden soll. „Wir brauchen den Schwefel für klare und haltbare Weine“, erklärte Klöckner und rief auch innerhalb der Branche zum Zusammenhalt auf.
Den Dreiklang von Ahrwein, Tourismus und Spitzengastronomie gelte es für die Region zu nutzen. Hier spiele die Nähe des Ahrtals zu den Ballungsräumen eine große Rolle. Der aufwendige Steillagen-Weinbau würde vom Verbraucher oft nicht erkannt, und nach Klöckners Meinung bestehe ein gesamtgesellschaftliches Interesse an der Erhaltung der einzigartigen Kulturlandschaft der Ahr.
Klöckner sprach auch das Problem des Alkoholmissbrauchs an. Deutlich differenzierte sie ihn vom Weingenuß. „Die Verantwortung liegt beim Einzelnen. Der Umgang mit legalen Produkten muss erlernt werden“, erklärte Klöckner und verwies darauf, dass das Eintrittsalter zu Fahrerlaubnis und Gaststättenbesuch gleich sei.
Auf die Frage nach einer Erwähnung einer Steillage zur Steigerung der Wertigkeit des Ahrweinbaus erklärte Klöckner, dass dies zwar nicht vorgesehen ist, der Steillagenweinbaubau jedoch durch Forschung gefördert würde. Auch das Bezeichnungsrecht war Thema der anschließenden Fragerunde.
Johannes Büchel vom Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau aus Mainz und Achim Blau vom Deutschen Weinbauverband erläuterten am Nachmittag „Die Umsetzung der EU-Weinmarktreform - Profilierung der tradionellen Weinbergslagen an der Ahr“. Neu sei die Aufhebung der Einteilung der EU-Weine in Qualitäts-, Tafel- und Drittlandweine. Es werde zwei neue Bezeichnungen geben: die der geschützen geografischen Angabe (g.g.A.) und die der geschützten Ursprungsbezeichnung (g.U.). Büchel und Blau erläuterten den Verfahrenweg eines Antrags und die hierfür erforderlichen Angaben, etwa zu Anbaugebiet, Herkunft und Lage. Anerkennung kann auf Antrag einer interessierten Erzeugergruppe erfolgen. Erzeuger dürfen einen Antrag nur für für eigene Produkte stellen. Einzellagen würden demnach z.B. als geschützte Ursprungsbezeichnung geführt.
Als Eckpunkt wurde die Absicherung des deutschen Qualitätssystems genannt. Für Qualitäts- und Prädikatsweine gelten keine zeitlichen Begrenzungen. Die Namen der deutschen Weine blieben erhalten. Die Angabe der Herkunft werde künftig auch für Weine mit geschützter Ursprungsbezeichnug und Weine mit geschützer geografischer Angabe gelten. Zum zeitlichen Rahmen erklärten die Referenten, dass ab dem 1. August 2010 ein nationales Vorverfahren läuft. Bis zum 31. Januar 2011 sei die Verwendung der Zusätze „g.U.“ und „g.g.A.“ nicht zulässig. Die Bezeichnungen sollen auch künftig von der Landwirtschaftskammer auf regionaler Ebene kontrolliert werden. „Zu hoffen bleibt, dass wir eine klare Richtlinie an die Hand bekommen, die uns sagt, was auf´s Etikett darf“, war die Meinung vieler Winzer.
Dr. med. Gerhard Kreuter aus Bad Neuenahr-Ahrweiler referierte zum Thema „Gesund genießen mit Wein“. Kreuter empfahl folgende Höchstmengen, die für den moderaten Weingenuß stehen. Für Männer gilt eine Höchstmenge von 30, für Frauen von 20 Gramm Alkohol pro Tag. Der Referent unterstrich, dass es sich bei der Betrachtung um den Konsum von Wein und seiner Inhaltsstoffe, z.B. Phenole, handele. Auch sollte in jedem Fall der behandelnde Arzt befragt werden. Eine Steigerung der Lebenserwartung sei im Zusammenhang mit moderatem Weingenuß, vitaminreicher Kost und ausreichend Bewegung wissenschaftlich erwiesen.
Nach soviel Theorie war jedoch die Praxis angesagt. Hierzu hatten die Veranstalter acht Weine der Ahr zur Verkostung ausgewählt, die Christopher Jung vom DLR Mosel vorstellte:
- 2009er Altenahrer Eck, Riesling Hochgewächs, feinherb, von der Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr
- 2008er Marienthaler Trotzenberg, Spätburgunder, halbtrocken, vom Weingut Klosterhof, Marienthal
- 2009er Mayschoßer Mönchsberg, Spätburgunder, trocken, von der Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr
- 2008er Ahrweiler Rosenthal, Spätburgunder, trocken, vom Weingut Peter Lingen, Bad Neuenahr
- 2007er Heimersheimer Berg, Spätburgunder, trocken, unfiltriert, vom Weingut Jakob Sebastian, Rech
- 2006er Walporzheimer Kräuterberg, Spätburgunder, trocken, von der Dagernova Bad Neuenahr/Dernau
- 2007er Neuenahrer Sonnenberg, Spätburgunder, Auslese, trocken vom Weingut Peter Kriechel, Ahrweiler
- 2007er Dernauer Hardtberg, Frühburgunder, trocken, vom Weingut Sermann-Kreuzberg, Altenahr
Die Folien des Referats “Was leistet das Gemeinschaftsmarketing für Deutschen Wein?” von Monika Reule (DWI) finden Sie hier (pdf, 61 Seiten).
Manfred Schick


