Einzigartige Terrassenlandschaft ist in Gefahr
11. Dezember 2011

Immer wieder sind in den vergangenen Jahren in Walporzheim Mauern eingestürzt – vor allem im Frühjahr nach der Frostperiode.
Typisch für die Walporzheimer Weinberge ist ihre einzigartige Terrassenlandschaft. Winzer bewirtschaften dort seit Generationen mit hohem Aufwand Steil- und Steilstlagen. Doch an den Weinbergsmauern und damit an der wirtschaftlichen Grundlage der Winzerinnen und Winzer nagt der Zahn der Zeit. Jeder Regen und jeder Frost setzt den zwischen 100 und 400 Jahren alten Bauwerken zwischen der Römervilla in Ahrweiler und der Bunten Kuh in Walporzheim zu. Immer wieder sind in den vergangenen Jahren Mauern eingestürzt – vor allem im Frühjahr nach der Frostperiode. Fast immer werden dabei Rebflächen vernichtet und Wege verschüttet. Jeder Ahrwinzer weiß, dass eine eingestürzte Mauer eine Gefahr darstellt, weil sie die Statik eines Hanges gefährdet, und es ein Frage der Zeit ist, bis die darunterliegende Mauer dem Druck von Reben, Boden und Wasser nachgibt und ebenfalls einstürzt.
Hier und da wird bereits saniert; kleine Teilstücke können mit überschaubarem Aufwand repariert werden. „Wir sind froh, über den Verband der Teilnehmergemeinschaft in Neustadt/Weinstraße Arbeitskräfte gewonnen zu haben, die sich die Kunst des Trockenmauer-Baus über Jahre angeeignet haben“, freut sich Ahr-Weinbaupräsident Hubert Pauly. Rund sechs Kilometer der Weinbergsmauern sind nach seiner Einschätzung sofort sanierungsbedürftig. Die Terrassen sind nicht nur für die Winzer wichtig, sie prägen auch das Landschaftsbild und locken Touristen ins Ahrtal, für die Wanderungen und Weingenuss im Vordergrund stehen. Wein und Wasser hat die Tourismusdestination Ahrtal zu dem gemacht, was sie heute ist. Rund eine Million Tagesbesucher zieht es jährlich ins Tal der roten Trauben. Überregionale Berichterstattung in den Medien lässt die Wirtschaft im Tal auf steigende Tendenz hoffen.

Willi Beu, Vorsitzender der Teilnehmergemeinschaft Flurbereinigung Walporzheim, gilt als "Koryphäe und Kapazität des Naturschutzes und der Landespflege im Kreis Ahrweiler".
Der wirtschaftliche Druck auf die Winzer würde zusätzlich erhöht, sollte der Anbaustopp innerhalb der Europäischen Gemeinschaft tatsächlich wegfallen. 2500 Arbeitstunden fallen in Steillagen pro Hektar und Jahr an. Auf 1500 sinkt der Aufwand in flurbereinigten Lagen. Zum Vergleich: In vollmechanisierten Lagen fallen gerade einmal 260 Stunden an. Der Kampf um die Weinbergsmauern ist aber mehr als eine betriebswirtschaftliche Rechnung: „Rund 55Vogelarten gibt es dort, erklärt Willi Beu, Vorsitzender der Teilnehmergemeinschaft Flurbereinigung Walporzheim. Die Artenvielfalt in Fauna und Flora sei in dem rund 70 Hektar umfassenden Gebiet einzigartig.

73 Hektar Weinberge und Wald liegen im Bereich des Flurbereinigungsgebiets; das sind rund 13 Prozent der Rebfläche der Ahr. 30 Hektar davon bestehen aus ursprünglich angelegten Terrassen und Steillagen.
Rückzugsmöglichkeiten während der Flurbereinigungsmaßnahme schaffen, Grassamen einsammeln und später wieder ausbringen, ökologisches Gleichgewicht schaffen und mit der Natur als Partner wirtschaften – das die Argumente, wenn die Ahrwinzer für Unterstützung zu Sanierung und Erhalt der Weinbergsmauern in Walporzheim werben. Insbesondere die EU soll einen erheblichen Teil der Kosten der Flurbereinigung übernehmen. Geschätzte 15 Millionen Euro soll die Maßnahme kosten. Mit rund vier Millionen wird sich das Land Rheinland-Pfalz beteiligen. Ein Antrag zur Unterstützung im Rahmen eines Live-Projekts der Europäischen Gemeinschaft läuft. Trotz der Unterstützung durch die EU bleibt wohl ein großer Anteil an den Winzern hängen. Denn eine private Investition wie die Sanierung der Weinbergsmauern will gut bedacht und noch besser berechnet sein.
Auch bei der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler, die als Anlieger auch direkt betroffen ist, sind die finanzielle Möglichkeiten eingeschränkt. Trotzdem erklärten sich die Stadtväter Ende November bereit, über zwölf Jahre jährlich 60.000 Euro beizusteuern.

Hubert Pauly setzt sich seit seiner Wahl zum Ahr-Weinbaupräsident für die Sanierung der Weinbergsmauern in Walporzheim ein.
Das Flurbereinigungsgebiet
73 Hektar Weinberge und Wald liegen im Bereich des Flurbereinigungsgebiets; das sind rund 13 Prozent der Rebfläche der Ahr. 30 Hektar davon bestehen aus ursprünglich angelegten Terrassen und Steillagen. 100 bis 400 Jahre sind die einst von Menschenhand angelegten Terrassen alt. 27 Kilometer Weinbergsmauern gilt es zu sanieren. 20 Prozent davon liegen an öffentlichen Wegen. Dort werden die Weinbergsmauern als gemeinschaftliche Anlage gefördert. 64.000 Quadratmeter der Sanierung werden sichtbares Mauerwerk, das entspricht der Fläche von sieben Fussballplätzen. Rund vier Millionen Euro stellt das Land für die Sanierung zur Verfügung. 15 Millionen Euro wird das Gesamtvolumen der Flurbereinigung umfassen. Fünf Lagen sind massgeblich von der Flurbereinigung betroffen: Walporzheimer Pfaffenberg, Walporzheimer Alte Lay, Walporzheimer Domlay, Walporzheimer Kräuterberg und Walporzheimer Gärkammer.
Historisches
Gottfried Kinkel hätte es in seiner Reisebeschreibung „Die Ahr“ nicht treffender bezeichnen können, als er 1849 in seiner im Bonner Verlag T. Habicht erschienenen Publikation vermerkte, dass die Ahrwinzer auf jedem „Quadratschuh“ Weinbau betreiben. Was die romatische Darstellung auslässt, ist die harte Arbeit, der sich die Winzer Tag für Tag in den Wingerten stellten und auch heute noch stellen müssen.
Alte Winzer (sie sollen im Übrigen zahlreicher sein als alte Ärzte) berichten, dass sie sich über die Wintermonate ihr Geld mit dem Bau der Mauern oder deren Instandsetzung verdienten. Sie heuerten bei großen Weinbergsbesitzern an, um Geld zu verdienen und ihre Familien zu ernähren. Steine tragen, Trockenmauern errichten und dahinter Grund für eine Neupflanzung bereitzustellen, war die Aufgabe der Männer, die oft bis zu 50 Kilo Steine mit einem Gang in den Berg trugen. Hier und da gab es eine notdürftig errichtete Seilbahnen, oft war auch ein Ochse mitsamt Fuhrwerk abgestellt. Als „Energy-Drink“ half bisweilen einen Zuckerwürfel, der mit Trester- oder Hefebrannt getränkt war.
Diese Art der Arbeit hatte ihren Preis „Ein Handlanger, der mit 50 nicht verschlissen war, galt als faul“, wusste der Großvater des Autors, Felix Schick, Winzer und Müller in Ahrweiler. Heute nimmt die Technik viel Arbeit ab, und Steine werden mit dem Radlader in die Weinberge und auf die Gerüste befördert.
Texte und Fotos: Manfred Schick






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Wer schon mal eine Trockenmauer gebaut hat, weiß was unsere Vorfahren da einstmals geschaffen haben.